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Trauer, Trennung und Partnersuche
Das Ende einer Partnerschaft bedeutet einen Verlust in vielerlei Hinsicht. Langfristig können sich aus solch kritischen Lebensereignissen aber auch positive Folgen und neue Lebensperspektiven ergeben. Trauer, Trennung und Partnersuche sind dabei eng miteinander verbunden. In diesem Kapitel lernen Sie, wie Sie herausfinden, wann der richtige Zeitpunkt für die Suche nach einer neuen Beziehung gekommen ist.
Der Verlust, der mit dem Ende einer Partnerschaft einhergeht, kann sich individuell unterschiedlich ausdrücken. Oftmals tritt ein Verlust an Nähe, Vertrautheit und Gemeinsamkeit ein, der Bezugspunkt fällt plötzlich weg. Die emotionale, aber auch die materielle Sicherheit kann verloren gehen. Gemeinsame Aktivitäten sind nicht mehr möglich. Manchmal wird gar die eigene Lebensplanung abgebrochen. Vorherige Lebensziele verlieren ihren Kontext oder scheinen nicht mehr relevant zu sein. Unverarbeitete Gefühle und Konflikte mit Beziehungspartner:innen können nun oft nicht mehr gelöst werden. Belastende Gefühle von Reue, Scham und Wut, Verletzung und Verbitterung können die Folge sein.
Es gibt jedoch auch positive Folgen von Trauer und Trennung, die aber oft zunächst nicht erkennbar sind, weil sie durch Verlustgefühle überdeckt werden, nicht im Fokus stehen oder sich nur langfristig äußern. Dennoch gibt es sie. So können sich neue Lebensperspektiven mit neuen Erfahrungen eröffnen. Eingefahrene Wege mögen hinterfragt und verändert werden. Die Frage mag erneut aufkommen, wie das Leben gestaltet werden soll. Erfordernisse zu Kompromiss und womöglich übermäßigem Entgegenkommen fallen weg. Jetzt gibt es wieder Raum für Neues und Veränderung. Ein neues soziales Bezugsnetz mit neuen sozialen Beziehungen mag entstehen. Womöglich fällt auch eine tiefgreifend dysfunktionale, perspektivlose oder gar gewalttätige Beziehung weg.
Verlust durch Tod
Verena Kast (2009) hat, ausgehend von den Arbeiten von Elisabeth Kübler-Ross (2014), ein Phasenmodell der Trauer bei Verlust durch Tod entwickelt.
Die Grundannahme ist, dass Trauer positiv bewältigt werden kann. Für eine geglückte Trauer ist es aber nach Kast erforderlich, vier Phasen nacheinander und vollständig zu durchlaufen.
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Schockzustand: Am Anfang befindet sich der trauernde Mensch in einem Schockzustand. Leugnen und nicht wahrhaben wollen treten auf. Der Schock überlagert die Verarbeitung und führt zur Ausblendung des Verlustes.
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Intensiv aufbrechende Emotionen: Es folgt eine Phase intensiv aufbrechender Emotionen mit hoher Intensität. Trauer, Schmerz, Einsamkeit, Angst, Zorn und Wut prägen das Erleben. Auch Gefühle der Freude und Erleichterung können auftreten, gehen jedoch typischerweise mit Schuldgefühlen einher. Es folgen Selbstvorwürfe über Versäumtes. Auch mit dem eigenen Schicksal zu hadern, wird in dieser Phase oft beobachtet. Es dominieren die negativen Gefühle und die Belastung. Die emotional-geistige Verarbeitung ist deutlich eingeengt und eine Offenheit für neue Wege ist noch nicht vorhanden.
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Trauerarbeit: Die dritte Phase kann als Suchen, Finden und Loslassen beschrieben werden. Es geht darum, bewusst die Verbindung mit dem Verstorbenen zu spüren und diese intensiv zu erleben, Orte aufzusuchen, innere Dialoge zu führen und Erinnerungstücke zu betrachten. Dieser Prozess geht mit positiven und negativen Gefühlen einher. Die Betreffenden lernen so, mit ihren Gefühlen in Kontakt zu kommen, mit ihnen umzugehen, widersprüchliche Gefühle zuzulassen und zu integrieren. Im Idealfall resultiert hieraus eine Bewältigung der Trauer und eine Aussöhnung mit dem Verlust.
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Neuorientierung: Es folgt die Phase von Akzeptanz und Neuanfang. Der Verlust ist nun akzeptiert, die aktive Neugestaltung des Lebens beginnt. Es wird über Lebensziele nachgedacht. Neue Möglichkeiten werden erkannt und umgesetzt. Der Verstorbene ist nicht vergessen, aber der Verlust kann angenommen, verarbeitet, in das Leben integriert werden, sodass wieder Raum für Veränderungen und Weiterentwicklung entsteht.
Das Modell empfiehlt den Trauernden, sich allen Phasen zu stellen und auch in der Phase zwei, der Phase der intensiven Gefühle, diese Gefühle nicht zu unterdrücken, sondern sie zuzulassen, damit eine Bewältigung gelingen kann.
Das Modell von Kast wird von Betroffenen oft als hilfreich erlebt, spiegelt allerdings sicherlich nicht alle individuellen Trauerverläufe wider. Insgesamt haben sich in der Psychologie Phasenmodelle, die von dem Ablauf einer notwendigen Anzahl fixierter Zustände ausgehen, als nicht ausreichend komplex gezeigt, um individuelle Prozesse beschreiben zu können.
Trauerverarbeitung und -bewältigung mögen individuell sehr unterschiedliche Verläufe annehmen. Tatsächlich kann Trauer eher in Wellen als in Phasen kommen und es sind Vorbewegungen wie auch Rückbewegungen immer wieder möglich. Auch das Ausmaß von Neuorientierung und Veränderung nach Trauerprozessen unterscheidet sich stark.
Trotzdem ist das Modell hilfreich, um den eigenen Trauerprozess verstehen und gestalten zu können, und kann Ihnen als Denkmodell helfen, um festzustellen, ob und wann der richtige Moment für eine neue Partnersuche erreicht ist.
Wann kann eine neue Partnersuche beginnen?
Der Beginn der Partnersuche ist noch verfrüht, wenn Sie sich erst in Phase eins oder zwei befinden. Wenn Sie sich dem Verlust noch nicht gestellt haben oder noch vollständig überflutet werden von intensiven Gefühlen wie Trauer, Verzweiflung, Schuld, vielleicht auch Hass und Wut, könnte dies eine neue Beziehung ungünstig beeinflussen.
Es bestünde auch die Gefahr, dass Ihre Partnersuche zu sehr von negativen Gefühlen oder Ihrem Wunsch, diese möglichst schnell zu einem Erfolg zu führen, geleitet würde. Dies mag zu einer ungünstigen Partnerwahl (Verkennen von Chancen, Einlassen auf den Falschen) oder zu einem ungünstigen Beziehungsaufbau (Übertragung der unverarbeiteten Trauer auf die neue Partnerschaft) führen.
Gleichzeitig könnte so die Trauer unbewältigt bleiben und Sie später wieder einholen.
Sie brauchen aber nicht zu warten, bis Sie keine Trauer mehr verspüren. Je stärker die Liebe war, desto häufiger werden selbst nach Jahrzehnten Gefühle der Trauer oftmals nicht gänzlich versiegen. Sie können immer wieder hochkommen. Wenn Sie diese Gefühle aber ausreichend verarbeitet haben, gefährden diese auch nicht mehr Ihre innere Stabilität und Beziehungsfähigkeit.
Nur Sie selbst können feststellen, wann der richtige Zeitpunkt für die Partnersuche gekommen ist. Sie merken es daran, dass der Fokus auf den Verlust und die Vergangenheit abnimmt und Ihr Interesse sich verstärkt wieder auf den Alltag richtet, Sie sich wieder mit Lebenszielen befassen und der Wunsch nach einer neuen Beziehung aufkommt und stärker wird.
Selbst wenn die Trauer noch stark ist, können Sie bereits mit der Partnersuche beginnen, wenn Bewältigung und Neuorientierung Fortschritte gemacht haben.
Verlust durch Trennung
Der Verlust von Beziehungspartner:innen durch Trennung weist viele Gemeinsamkeiten mit dem Verlust durch Tod auf.
Es gibt jedoch auch Besonderheiten:
Der Kontakt zu der anderen Person ist weiterhin möglich, manchmal sogar erforderlich. Eine durch Beziehungspartner:innen vollzogene Trennung mag auch mit besonderen Verletzungen einhergegangen sein, eine selbst gewählte Trennung kann zu Schuldgefühlen und Reue führen. Es können Schwierigkeiten auftreten, die Verantwortung für die Beendigung der Beziehung zu übernehmen. Hinzu kommen ggf. juristische Auseinandersetzungen zu Sorgerecht und Unterhalt.
Aber ebenso wie bei der Trauer durch Verlust geht es auch bei der Trennung darum, zu einer Verarbeitung und Bewältigung zu gelangen:
Kurzfristig steht oft das Verlorene im Vordergrund. Es treten starke Gefühle der Verzweiflung, Traurigkeit oder Angst auf. Grübeln, nicht wahrhaben wollen, Selbstvorwürfe, Wut, Ärger, Eifersucht, Hass, Rückzug von Aktivitäten und Freunden, kompletter Abbruch des Kontakts zu Ex-Partner:innen, Vermeidung von Erinnerungen und damit verbundenen Orten oder gegenteilig sogar Tendenzen zum Stalking-Verhalten können auftreten.
Mittelfristig kann es aber bei einer gelingenden Verarbeitung zu einer Neuorientierung mit Akzeptanz des Verlusts kommen.
Positiv kann ein Trennungsverlust auch Ausgangspunkt sein, um die Beziehung zu bilanzieren, sich neue Ziele zu setzen und Handlungsmöglichkeiten zu erkennen.
Hobbys und soziale Kontakte können aktiviert werden und es kann Abstand von Selbstvorwürfen und Schuldzuweisungen genommen werden. Traurigkeit und Angst, aber auch Hass und Wut können überwunden werden und es kann zu einer realistischen Bewertung der wechselseitigen Anteile am Scheitern der Beziehung kommen.
Ist der Verlust langfristig bewältigt, können Erinnerungen zugelassen werden und Sie können sich womöglich sogar an positiven Erinnerungen erfreuen. Eine Integration des Verlusts in das eigene innere Modell der Biografie ist nun gelungen. Oft sind auch Wiederannäherungen als Freunde möglich, auch gelegentliche Wehmut, Sehnsucht, aber auch Ärger und Wut können akzeptiert werden.
Ebenso wie bei der Trauer gibt es keine allgemeingültige Regel, wie eine Trennungsverarbeitung verlaufen muss. Stattdessen sind in der Realität vielfältige individuelle Verläufe mit Vor- und Rückschwankungen möglich.
Indem Sie sich aktiv mit dem Geschehen auseinandersetzen, Ihre Gefühle zulassen, aber auch Ihren Alltag und Ihre Ziele neu ausrichten, können Sie verhindern, dass Sie in einer Phase von Verzweiflung, Trauer, Ärger oder Wut verharren, aus der ansonsten anhaltende Verbitterung werden kann.
Für eine neue Partnersuche sind Sie – ähnlich wie bei der Trauer nach Tod – bereit, wenn Sie selbst merken, dass die Neuorientierung bereits begonnen hat. Wenn Sie beginnen, den Verlust zu akzeptieren und in die Zukunft zu blicken, öffnen Sie sich wieder für eine neue Beziehung. Jetzt kann Ihre Partnersuche beginnen.
Was kann die Bewältigungsprozesse gefährden?
Verlust durch Tod und Trennung gehören seit jeher zum menschlichen Leben. Entsprechend verfügen wir grundsätzlich als Menschen über ein Repertoire, um diese kritischen Lebensereignisse bewältigen und annehmen zu können.
Dennoch gelingt die Bewältigung nicht in jedem Fall und manche Menschen verfallen in eine tiefe Depression oder hadern noch nach Jahrzehnten mit ihrem Schicksal.
Der Grund dafür ist oft, dass eine Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen vermieden wurde, sodass es nicht zu den notwendigen Voraussetzungen für eine Bewältigung kommen konnte. Auch auf gedanklicher Ebene kann eine Akzeptanz des Verlustes verweigert und die notwendige Neuorientierung vernachlässigt werden. Zudem kann es bei Trennungen im Streit zu einer anhaltenden Ausblendung eigener Anteile und zu einer dysfunktionalen Fokussierung auf die Schuldfrage kommen. Dies kann zu Verbitterung führen.
Erkennen Sie sich hier wieder und ist Ihnen bisher eine Bewältigung des Verlustes nicht gelungen?
Seien Sie nicht verzweifelt, sondern geben Sie sich einen Ruck, um aus der Fixierung oder Verbitterung herauszukommen. Suchen Sie nach schönen Wahrnehmungen und Erlebnissen in Ihrem Alltag und richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf diese.
Stellen Sie sich eine erfüllende neue Beziehung und eine lohnenswerte Zukunft vor. Nehmen Sie in der Imagination noch einmal Abschied und lassen Sie die andere Person los. Oder geben Sie der Person in Ihrer Erinnerung oder in Ihrem Alltag einen festen imaginären Platz, der sich nicht mit Ihrer Ausrichtung auf die Zukunft überlagert. In manchen Kulturen ist es üblich, mit den Toten symbolisch zu leben, sodass ein Verlust durch Tod den Schrecken verliert. Hiervon können Sie lernen.
Haben Sie aber auch den Mut, sich Hilfe zu suchen, wenn die Verarbeitung nicht gelingt. Für Hilfe ist es nie zu spät. Selbst nach Jahren und Jahrzehnten kann eine Verarbeitung von Verlusten durch eine psychotherapeutische Behandlung noch möglich sein. Mithilfe einer Psychotherapie kann es Ihnen so gelingen, frei zu werden für neue Perspektiven. In diesem Fall sollten Sie die Partnersuche noch ein wenig aufschieben, bis Sie so weit sind.
Ist der richtige Zeitpunkt für die Partnersuche gekommen?
Prüfen Sie sich selbst:
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Haben Sie intensive, überflutende und Ihren Alltag beeinträchtigende Gefühle von Verzweiflung, Trauer, Angst, Hass, Ärger oder Wut bereits überwunden beziehungsweise fühlen Sie sich ihnen zumindest nicht mehr hilflos ausgeliefert?
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Gelingt es Ihnen, den Verlust als Tatsache zu akzeptieren und mit ihm zu leben?
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Möchten Sie sich neu orientieren und wünschen Sie sich eine neue Beziehung?
Sie beantworten alle Fragen mit ja oder eher ja?
Einer Suche nach einer neuen partnerschaftlichen Beziehung steht nichts mehr im Wege!
So kann Partnersuche die Bewältigung unterstützen
Bisher ging es nur darum, wie die Verarbeitung von Trauer und Verlust die Partnersuche beeinflussen kann und wann der richtige Zeitpunkt für den Beginn der Partnersuche gekommen ist.
Tatsächlich kann umgekehrt die Partnersuche auch einen wichtigen Beitrag zur Verarbeitung der Trauer und für die Neuorientierung leisten:
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In einer inhaltsanalytischen Studie haben Young und Caplan (2019) die freien Selbstschilderungen von 241 partnersuchenden Witwern und Witwen auf der Dating-Plattform Match.com untersucht. Dabei fanden sie Belege für Strategien der Trauerverarbeitung, die bei der Verarbeitung der Trauer helfen können, indem sie dem Verlust einen Sinn geben, Veränderungsmöglichkeiten aus dem Verlust erschließen und eine Vision für eine neue Partnerschaft erarbeiten. Allerdings wurden derartige Strategien wesentlich seltener in den 280 Profilen geschiedener Partnersuchender gefunden. Immerhin: Sowohl bei Verlust durch Tod als auch bei Geschiedenen zeigte sich ein positiver Zusammenhang zwischen der Erwähnung des Verlusts in der freien Selbstschilderung und der Benennung einer Vision für eine künftige Partnerschaft. Sich mit dem Verlust auseinanderzusetzen, scheint in diesem Sinne eine zukunftsweisende Funktion auszuüben.
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