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Partnervermittlungen – Prinzipien, Chancen und Grenzen
Alters- und Geschlechtsverteilung
Alters- und Geschlechtsverteilung
Die Alters- und Geschlechtsverteilung der Nutzer:innen von Partnervermittlungen unterscheidet sich stark von den Dating-Apps:
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Für Parship wurde von Dittmar (2021) ein Anteil der 18- bis 24-Jährigen von 6 %, der 25- bis 34-Jährigen von 26 %, der 35- bis 44-Jährigen von 27 %, der 45- bis 54-Jährigen von 26 % und der 55+-Mitglieder von 15 % angegeben. Dabei bleibt aber unklar, wie zuverlässig diese Angabe ist, zumal der Artikel aktuell nur noch über ein Internet-Archiv aufrufbar ist. Eine andere Quelle berichtet von einem Durchschnittsalter der männlichen Nutzer von Parship von 40,9 % und der weiblichen Mitglieder von 42,6 %. Die Webseite von Parship selbst berichtet von einem Frauenanteil von 51 % und einem Männeranteil von 49 %. Das non-binäre Geschlecht wird demnach also nicht berücksichtigt.
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Für ElitePartner werden Prozentanteile von 33 % für die 18- bis 35-Jährigen, 37 % für die 36- bis 49-Jährigen und 30 % für die über 50-Jährigen angegeben. Als Durchschnittsalter wird durch eine andere Quelle für die männlichen Nutzer von ElitePartner 43% und für die weiblichen Nutzerinnen 44 % angegeben. Auf der Webseite von ElitePartner selbst heißt es, dass 55 % der Mitglieder Frauen und 45 % Männer seien. Auch ElitePartner berücksichtigt non-binäre Personen nicht.
Bereits an diesen Zahlen wird deutlich, dass es sich bei Nutzer:innen von Partnervermittlungen offenbar um eine gänzlich anders zusammengesetzte Personengruppe handelt, als es die Nutzer:innen von Dating-Apps sind:
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Während an Partnervermittlungen gleich viele oder sogar eher mehr Frauen teilnehmen als Männer, gibt es bei Dating-Apps einen Männerüberschuss. Bei Partnervermittlungen sind zudem alle Altersgruppen und am stärksten der Altersbereich 30 bis 60 Jahre vertreten, während bei Dating-Apps die Gruppe der 18- bis 30-Jährigen besonders stark vertreten ist und Teilnehmende im Alter von 50 Jahren bereits eine Seltenheit sind.
Die Geschlechts- und Altersverteilung bei Partnervermittlungen beeinflusst die Art der Kontakte, die hier gesucht werden:
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Indirekt sprechen hierfür auch die Befunde des Übersichtsartikels von Abramova et al. (2016), denen zufolge beim Online-Dating Männer häufiger nach kürzeren und Frauen häufiger nach langfristigen Beziehungen suchen. Der Männerüberschuss bei den Dating-Apps und der leichte Frauenüberschuss bei den Partnervermittlungen lässt vermuten, dass diese Suche nach kürzeren und langfristigen Beziehungen ebenfalls das Klientel von Dating-Apps und Partnervermittlungen voneinander unterscheidet.
Das deutlich ausgeglichenere Geschlechtsverhältnis sowie die erheblich stärkere Repräsentanz mittlerer und höherer Altersstufen spricht dafür, dass sich bei den Partnervermittlungen vorwiegend Menschen begegnen, denen es wirklich darum geht, eine feste partnerschaftliche Beziehung zu finden. Es kann also davon ausgegangen werden, dass sich bei Partnervermittlungen weniger Personen finden, die nach Kurzzeitkontakten, Online-Kontakten oder Erotik-Kontakten suchen.
Dies stimmt mit Werbung und Außendarstellung der Partnervermittlungen überein, die gezielt Menschen ansprechen, die nach partnerschaftlicher Bindung suchen. Es werden Themen von Liebe, Romantik, Partnerglück und Dauerhaftigkeit aufgegriffen.
Personen, die vorwiegend nach Flirt, Unterhaltung, Chats, Spaß, Erotik-Kontakten oder Seitensprüngen suchen, werden durch die Werbung der Partnervermittlungen nicht angesprochen. Für sie sind die Dating-Apps oder die Singlebörsen die attraktivere Option.
Es ist daher anzunehmen, dass die Motive der Nutzer:innen von Partnervermittlungen wesentlich einheitlicher sind als die Motive der Nutzer:innen von Dating-Apps. Für diese Vermutung ergeben sich direkte Belege aus einer Umfrage von Gleichklang mit den gleichen ins Deutsche übersetzten Fragen wie der Untersuchung von Sumter et al. (2017) zu den Motiven von Tinder-Nutzer:innen:
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Während in der Studie von Sumter at al. mit Tinder- Nutzer:innen das Beziehungsmotiv erst an dritter Stelle stand mit einem Mittelwert von lediglich 2,24 auf einer Skala von 1 bis 5, führte bei den befragten Gleichklang-Mitgliedern das Beziehungsmotiv mit weitem Abstand und einem Mittelwert von 4,19 die Reihenfolge an, gefolgt von dem Kommunikations-Motiv mit einem wesentlich geringeren Mittelwert von 2,81.
Allerdings gibt es auch andere Befunde:
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Gatter und Hodkinson (2016) befragten 75 Facebook-Nutzer:innen, ob sie auch Dating-Apps oder Partnervermittlungen genutzt hätten und erfassten unter anderem Alter, Geschlecht, Selbstwert, Dating-Motive und Einstellungen zu unverbindlicher Sexualität. Unter den Teilnehmenden befanden sich 30 Tinder-Nutzer:innen, 26 Nutzer:innen von Partnervermittlungen und 19 Non-User. Erstaunlicherweise zeigten sich keine Unterschiede in den Dating-Motiven, wobei das Motiv »Beziehung« bei Nutzern von Partnervermittlungen sogar geringer ausgeprägt war als bei Usern von Dating-Apps, Nutzer:innen von Partnervermittlungen diese sogar relativ am meisten nutzten, um »in Kontakt mit Freund:innen (zu) bleiben«.
Die Befunde sind nicht plausibel und erscheinen aus methodischen Gründen fragwürdig:
Die Stichprobe war extrem klein. Zudem war der Altersdurchschnitt von 23 Jahren bei den Nutzer:innen von Partnervermittlungen nicht repräsentativ für Partnervermittlungen, wo es nur sehr wenige Menschen in diesem Alter gibt. Tatsächlich waren die Teilnehmenden durch Werbung auf der Facebook-Seite der Verfasserin rekrutiert worden, wozu auch Schneeballeffekte genutzt wurden. Auffällig ist auch, dass Partnervermittlungen eigentlich nicht dazu gedacht sind, die Kontakte mit Freund:innen aufrechtzuerhalten, und diese Funktion auch typischerweise nicht anbieten. Die beste Erklärung dürfte sein, dass die Befragten keine echten Partnervermittlungen nutzten, zumal dies in diesem Alter bereits aus Kostengründen eine Rarität ist.
Sie können also davon ausgehen, dass Sie sich bei einer Online-Partnervermittlung wesentlich stärker in einem Kreis ernsthaft Partnersuchender wiederfinden als bei einer Dating-App. Dadurch wird sich das Risiko vermindern, dass Sie bei Ihrer Partnersuche – gegebenenfalls, ohne dies zu merken – auf Personen ohne Bindungsabsichten mit Interesse an unverbindlichen Kontakten oder mit Interesse an reiner Online-Kommunikation stoßen werden.
Der Kreis der Teilnehmenden bei den Partnervermittlungen ist für die Suche nach einer langfristigen Beziehung geeigneter als der Kreis der Teilnehmenden bei den Dating-Apps. Je stärker Ihr Interesse an einer langfristigen Beziehung ist, desto mehr sind Partnervermittlungen für Sie die richtige Wahl.
Vermittlungsprinzipien und Matching
Online-Partnervermittlungen erlauben ihren Mitgliedern kein freies Suchen in Profilen und machen keine Vorschläge auf der vorwiegenden Basis von Geodaten. Die Vermittlung erfolgt stattdessen auf der Basis eines computergesteuerten Vermittlungs-Algorithmus, anhand dessen Personen vorgeschlagen werden, die sich durch eine besonders gute Passung kennzeichnen sollen.
Durch den Verzicht auf eine freie Suche sinken Abwechslung und Spielerei, stattdessen wird die Aktivität der Mitglieder stärker auf die ernsthafte Suche nach einer partnerschaftlichen Beziehung gerichtet.
Inhaltlich liegt der Vermittlung bei nahezu allen Partnervermittlungen das Prinzip der Übereinstimmung in wichtigen Grundmerkmalen der Personen zugrunde. Dabei versuchen Partnervermittlungen, durch mehr oder weniger psychologisch fundierte und mehr oder weniger transparente Vermittlungs-Algorithmen unpassende Vorschläge von vornherein auszuschließen.
Mithilfe dieser Matching-Algorithmen sollen Menschen zusammengebracht werden, deren Persönlichkeiten, Beziehungsmodelle, Lebensstile und Werthaltungen zueinander passen. Dadurch sollen die Aussichten für eine auch langfristig tragfähige partnerschaftliche Beziehung verbessert werden.
Auch wenn das Äußere weiterhin im Sinne von Profilfotos eine wesentliche Rolle bei der Selbstauswahl durch die Teilnehmenden spielt, erfolgen die Vorschläge zunächst vorwiegend nach anderen Kriterien. Das Äußere kommt zum großen Teil erst später bei der Selbstauswahl der Teilnehmenden nach Sichtung der Vorschläge zum Tragen.
Dieses Vorgehen unterscheidet Partnervermittlungen von Dating-Apps und Singlebörsen, wo aufgrund der Dominanz von Fotos und räumlicher Nähe unpassende Menschen aus Gründen kurzfristiger Faszination und höherer Praktikabilität schneller zueinander finden können.
Wissenschaftliche Einordnung und Kritik
Alle Online-Partnervermittlungen beruhen mehr oder weniger auf der Grundannahme, dass Ähnlichkeit und Übereinstimmung verbinden. Sie erheben den Anspruch, die Passung potenziell in Frage kommender Personen mit ihren Algorithmen ermitteln und auf dieser Basis Vorschläge machen zu können, mit denen ein besonders hohes Potenzial für eine glückliche und dauerhafte Beziehung besteht.
Für die Vermittlung auf der Basis von Übereinstimmung spricht zunächst ein umfangreicher und beeindruckender Forschungsstand, der aufzeigt, dass Beziehungspartner:innen einander in zahlreichen Merkmalen ähnlicher sind als dies bei zufälliger Partnerwahl zu erwarten wäre. Luo (2017) hat den Forschungsstand in einem Überblicksartikel zusammengefasst:
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Demnach sind sich Paare ähnlicher als per Zufall zu erwarten in politischer Orientierung, Religiosität, Autoritarismus, Einstellung zu Familie und Geschlechterrollen, Risikobereitschaft, persönlichen Werten, Intelligenz und anderen geistigen Fähigkeiten, im subjektiven Wohlbefinden, psychischen Erkrankungen, Alkoholismus und anderer Substanzabhängigkeit, bei Gewohnheiten, Hobbys und dem Lebensstil, einschließlich Alkohol-, Kaffee- und Teekonsum, Rauchen, zirkadianem Rhythmus und körperlicher Bewegung, in der Ernährung sowie bei eher breiten Persönlichkeitsmerkmalen wie den Big Five (Anmerkung: dies sind Extraversion, Neurotizismus, Offenheit für Erfahrung, Gewissenhaftigkeit, Verträglichkeit), Angst, Selbstwertgefühl, positiver und negativer Affektivität und Sensationslust, wobei die Ähnlichkeit in diesen allgemeinen Persönlichkeitsmerkmalen nicht immer gefunden wird und eher gering ausfällt.
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Eine mehr als zufällige Ähnlichkeit lasse sich bei verheirateten und nicht verheirateten Paaren, nach erstmaliger Heirat und bei erneuter Heirat, in verschiedenen Kulturen, bei selbst gewählten und arrangierten Partnerschaften sowie bei heterosexuellen und bei gleichgeschlechtlichen Paaren beobachten, wobei die Ähnlichkeit bei gleichgeschlechtlichen Paaren geringer sei als bei heterosexuellen Paaren.
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Die Ähnlichkeit zwischen Beziehungspartner:innen lasse sich nicht erklären durch häufigere Gelegenheiten, im eigenen sozialen Umfeld auf ähnliche Personen zu treffen. Auch entstehe die Ähnlichkeit nicht erst im Verlauf einer Beziehung, sondern sei von Anfang an vorhanden.
Aus der Sichtweise der Partnervermittlungen sind die Ergebnisse des von Luo (2017) zusammengefassten Forschungsstandes starke Argumente für ihren Matching-Ansatz:
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Die mehr als zufällige Ähnlichkeit von Paaren wird als Ausdruck einer stärkeren Anziehung interpretiert, die zwischen übereinstimmenden Personen entstehe, weshalb diese sich häufiger in Partnerschaften zusammenfänden als Personen, die sich durch Gegensätze auszeichneten. Daher wird es als sinnvoll erachtet, auch bei der Online-Partnersuche gezielt Menschen zusammenzubringen, die sich durch eine hohe Kompatibilität kennzeichnen.
In einem einflussreichen Artikel erheben Finkel et al. (2012) jedoch gegen diesen Anspruch der Online-Partnervermittlungen grundlegende Bedenken:
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Der Einfluss der Ähnlichkeit auf die Beziehungszufriedenheit sei nicht belegt: Sicher sei eine größere Ähnlichkeit von Beziehungspartner:innen im Vergleich zu fremden Personen belegt. Dies gebe dem Matching-Ansatz der Online-Partnervermittlungen jedoch noch keine wissenschaftliche Legitimation. Viel entscheidender sei die Frage, ob ähnliche Personen auch bessere Beziehungen führen würden, also Beziehungen, die sich durch eine hohe Beziehungszufriedenheit kennzeichneten. Diesen Schluss erlaube der Forschungsstand jedoch nicht. Belege für den Einfluss der Ähnlichkeit auf die Beziehungszufriedenheit seien vielmehr nicht eindeutig, widersprüchlich oder zu schwach, sodass diese ein effektives Matching fraglich erscheinen ließen.
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Die Überlegenheit der Algorithmen sei nicht gezeigt: Die Partnervermittlungen publizierten keinerlei Belege für die Effektivität ihrer eigenen Matching-Algorithmen. Es sei nicht ausgeschlossen, dass Zufallsvorschläge zu den gleichen Ergebnissen führen würden wie die Matching-Algorithmen. Auch legten die verschiedenen Partnervermittlungen ihre Vermittlungs-Algorithmen nicht vollständig offen.
Die hier entstehende Irritation lässt sich auflösen, wenn wir zwischen psychologischer Plausibilität und einem wissenschaftlichen Beweis unterscheiden. Nicht alles, was psychologisch plausibel ist, ist (bereits) in einem wissenschaftlich stringenten Sinne bewiesen. Zu vielen speziellen Fragen liegen sogar noch gar keine oder keine ausreichenden wissenschaftlichen Studien vor, sodass die Praxis notgedrungen der Theorie vorgreifen muss.
Ein Beispiel hierfür ist die bereits oben diskutierte, plausible Annahme, dass für vegane Personen eine Beziehung mit anderen veganen Personen typischerweise vorteilhaft ist. Studien, die die Beziehungszufriedenheit von Paaren, wo nur ein oder beide Beziehungspartner:innen vegan sind, miteinander verglichen haben, liegen aber nicht vor.
Wenn eine Partnervermittlung also die Übereinstimmung in der veganen Lebensweise als ein Vermittlungskriterium heranzieht, prescht sie dem Forschungsstand gewissermaßen voraus. Einen wissenschaftlichen Beweis hat sie für ihre Vorgehensweise nicht, wohl aber gute Gründe.
Dies gilt nicht nur für die vegane Lebensweise als Matching-Kriterium, sondern ähnlich ist die Situation bei nahezu allen psychologisch basierten Matching-Kriterien, die bei unzureichender Studienlage weniger auf eindeutigen wissenschaftlichen Beweisen als auf mehr oder weniger psychologisch plausiblen Annahmen oder Vermutungen beruhen.
Kritisch ist allerdings in der Tat, wenn Partnervermittlungen ihr Matching vorwiegend oder nur auf der Grundlage sehr allgemeiner Persönlichkeitsmerkmale durchführen:
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Unter einem Persönlichkeitsmerkmal wird eine zeitlich und situativ relativ stabile Erlebens- oder Verhaltenstendenz verstanden, aus der sich auf die Individualität einer Person schließen lässt. Ein einflussreiches Modell der Persönlichkeitsstruktur ist beispielsweise das oben bereits angesprochene Fünf-Faktoren-Modell der Persönlichkeit (McCrae und John, 1992), oft wird hier von den Big Five gesprochen, welches zwischen Neurotizismus (emotionale Labilität), Extraversion, Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit und sozialer Verträglichkeit unterscheidet.
Die Übereinstimmung in allgemeinen Persönlichkeitsmerkmalen ist – wie der Überblicksartikel von Luo (2017) zeigte – bei Paaren eher gering. Zudem gibt es psychologisch plausible Gründe, die gegen ein hohes Gewicht der Ähnlichkeit bei allgemeinen Persönlichkeitsmerkmalen sprechen. Es kann davon ausgegangen werden, dass bei gleichen Grundüberzeugungen und Beziehungsmodellen Unterschiede in der Persönlichkeitsstruktur leicht kompensierbar sein sollten.
Zur Verdeutlichung zwei Gedanken-Experimente:
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Unterschiede in Gewissenhaftigkeit: Zwei Beziehungspartner:innen sind beide sehr gewissenhaft und folgen daher in besonders starkem Ausmaß ihren moralischen Grundüberzeugungen. Wenn sich nun diese moralischen Grundüberzeugungen unterscheiden, wird die Gewissenhaftigkeit wenig helfen können, um die daraus entstehende Dissonanz zu mindern. Sind aber umgekehrt die Grundüberzeugungen die gleichen, mögen Unterschiede in der Gewissenhaftigkeit vor dem Hintergrund der grundsätzlich gemeinsamen Bewertungen und Ziele dennoch ausgeglichen werden können.
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Unterschiede in Extraversion: Beziehungspartner:innen mit introvertierter und extravertierter Persönlichkeit mögen gut zueinander passen, wenn sie sich gemeinsam für die gleichen Werte engagieren. Womöglich wird ein Beziehungsteil stärker nach außen kommunizieren, während sich der andere Beziehungsteil etwas mehr zurückhält. Dennoch können sie im Sinne eines gemeinsamen Projektes gut miteinander kooperieren. Demgegenüber würden zwei extravertierte Personen trotz ihrer übereinstimmenden Persönlichkeiten kaum für eine Beziehung miteinander geeignet sein, wenn – um ein Extrembeispiel zu geben – eine Person sich für Tierschutz und die vegane Lebensweise einsetzt, die andere Person aber passioniert jagt und angelt.
Tatsächlich sind nicht nur die Grundübereinstimmungen in der Persönlichkeit zwischen Paaren eher gering, sondern es ergeben sich aus Studien auch kaum Belege dafür, dass eine Ähnlichkeit in Persönlichkeitsmerkmalen für die Beziehungszufriedenheit eine Rolle spielt:
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So zeigten sich in einer Studie von Weidmann et al. (2017) keine Auswirkungen der Ähnlichkeit in den Persönlichkeitsmerkmalen Neurotizismus, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Offenheit für Erfahrungen und Extraversion auf die aktuell vorliegende Beziehungszufriedenheit von Paaren. Für die im Längsschnitt erfasste künftige Beziehungszufriedenheit zeigten sich geringe, jedoch zwischen den Geschlechtern inkonsistente und schwer interpretierbare Auswirkungen der Persönlichkeit. Demnach würden Männer bezüglich ihrer künftigen Beziehungszufriedenheit vor allem profitieren von einer Übereinstimmung bei geringem oder hohem Neurotizismus. Frauen würde vorwiegend profitieren bei einer Übereinstimmung in moderater Offenheit für Erfahrungen. Ein allgemeiner und bei beiden Geschlechtern vergleichbarer Einfluss der Persönlichkeitsähnlichkeit auf die Beziehungszufriedenheit lässt sich diesen Befunden nicht entnehmen.
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Eine neuere und methodisch gut kontrollierte Paar-Studie (Wu et al., 2019) beobachtete allerdings positive Auswirkungen einer Übereinstimmung in Offenheit für Erfahrungen und in sozialer Verträglichkeit auf die Lebenszufriedenheit von weiblichen und männlichen Beziehungspartner:innen. Die Übereinstimmung in den weiteren untersuchten Persönlichkeitsmerkmalen Gewissenhaftigkeit, Neurotizismus und Extraversion spielte allerdings keine Rolle für die Lebenszufriedenheit. Jenseits der reinen Persönlichkeit zeigte sich, dass weibliche und männliche Beziehungspartner:innen bei höherer Übereinstimmung in moralischen Werten auch über eine höhere Lebenszufriedenheit berichteten.
Die Befunde zum Einfluss der allgemeinen Persönlichkeitsähnlichkeit auf das Ausmaß von Beziehungs- und Lebenszufriedenheit sind insofern teilweise widersprüchlich, weisen aber sicherlich nicht auf starke und für die Geschlechter allgemein gleichgerichtete Effekte hin.
Etwas eindeutiger sind Befunde, die für einen positiven Zusammenhang zwischen der Übereinstimmung in religiösen Überzeugungen und der Beziehungszufriedenheit sprechen:
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In einer repräsentativen Telefonumfrage unter Christen (Williams und Lawler, 2003) gingen gemeinsame religiöse Aktivitäten und geringere religiöse Unterschiede mit einer höheren Beziehungszufriedenheit einher.
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Karampatsos (2011) beobachtete, dass die Übereinstimmung in dem Ausmaß, in dem sich Beziehungspartner:innen als religiös gebunden schilderten und ihren religiösen Glauben als verpflichtend, lebendig und lebensverändernd benannten, mit einer erhöhten Beziehungszufriedenheit korrelierte. (Karampatsos, 2011).
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In einer weiteren Studie (Schafer & Kwon, 2017) gaben ältere Paare eine umso höhere Beziehungszufriedenheit an, je stärker sie bezüglich der Teilnahme an Gottesdiensten, des religiösen Bekenntnisses und der Bedeutsamkeit von Religion übereinstimmten.
Es gibt ebenfalls gewisse Hinweise aus Studien, dass eine Übereinstimmung in der veganen Lebensweise förderlich sein kann:
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Potts & Parry (2010) führten auf der Grundlage qualitativer Befragungen den Begriff der Vegansexualität ein, unter der sie eine Präferenz bei der Wahl der Sexualpartner und romantischen Partner verstehen, bei der ethischen Aspekten des veganen Lebenswandels eine zentrale Rolle zukomme. Die Einführung des Konstrukts beruhte auf der Beobachtung, dass einige vegan lebende Befragte durchgehend angaben, sich keine Sexualität und keine Beziehung mit Personen vorstellen zu können, die Tierprodukte konsumieren.
Auch wenn aussagekräftige quantitative Befunde noch fehlen, weisen die Analysen von Potts & Parry (2010) auf die potenziell hohe Bedeutsamkeit einer Übereinstimmung in der veganen Lebensweise für eine partnerschaftliche Beziehung hin. Dies stimmt wiederum überein mit der Annahme, dass Ähnlichkeit in zentralen Merkmalen verbindet.
Insgesamt gibt es also durchaus Hinweise auf eine mögliche positive Rolle der Ähnlichkeit zwischen Beziehungspartner:innen für eine Beziehungszufriedenheit, die sich aber eben nicht vorwiegend auf die Ähnlichkeit in allgemeinen Persönlichkeitsmerkmalen bezieht. Dennoch haben Finkel et al. (2012) nach wie vor mit ihrer Kritik recht, dass diese Hinweise insgesamt noch wenig eindeutig sind und dass widersprüchliche Befunde vorliegen.
Womöglich ist jedoch der bereits erbrachte Nachweis über eine schon zu Beginn vorhandene höhere Übereinstimmung zwischen Paaren viel aussagekräftiger als die Studien zur Beziehungszufriedenheit:
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Denkbar ist, dass für die Partnerwahl eine Grundübereinstimmung notwendig ist, was jedoch nicht bedeuten muss, dass sich bei Paaren, die zusammengefunden haben, weiter bestehende Unterschiede negativ auf die Beziehungszufriedenheit auswirken müssten. Wenn Paare trotz Unterschiedlichkeit zueinander finden, haben sie dafür nämlich wahrscheinlich gute Gründe. Diese Gründe mögen beispielsweise in der Übereinstimmung anderer Merkmale liegen, die in der jeweiligen Studie nicht erhoben wurden, die aber für diese Paare viel wichtiger sind. Aufgrund dieser Übereinstimmung mögen sie dann andere Unterschiede kompensieren können.
Paare finden zusammen, weil sie etwas Verbindendes wahrnehmen. Das Verbindende zwischen Paaren kann sich dabei jedoch von Paar zu Paar unterscheiden, sodass Studien auf der Basis von Durchschnitten pauschal zugrunde gelegter Merkmale nicht immer zu angemessenen Ergebnissen gelangen müssen.
In Studien kann nämlich immer nur der Einfluss derjenigen Übereinstimmung festgestellt werden, die auch untersucht wurde. Es kann jedoch sein, dass Paare zentrale Merkmale miteinander teilen, die sich positiv auf die Beziehungszufriedenheit auswirken, die aber in den jeweiligen Studien nicht abgefragt wurden. Diese tatsächlich bestehenden, aber übersehenen Übereinstimmungen können für die Beziehungszufriedenheit der Paare wichtiger sein als die Übereinstimmungen oder Unterschiede in den erfragten Merkmalen.
Wenn wir davon ausgehen, dass nur die Übereinstimmung in zentralen Merkmalen wichtig ist, können sich eine Reihe widersprüchlicher Befunde oder Null-Effekte damit erklären lassen, dass sich diese Zentralität, also die Bedeutsamkeit von Merkmalen zwischen Personen und Paaren individuell unterscheidet, sodass die Methodik von Studien, die diese Zentralität nicht erfassten, zu falschen Schlussfolgerungen führte.
Diese grundlegende Überlegung wird durch einige psychologische Studien gestützt:
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Lutz-Zois et al. (2006) befragten Studierende nach der Übereinstimmung in Religionszugehörigkeit und Interessen zwischen ihnen und ihren Beziehungspartner:innen. Darüber hinaus wurden die Studierenden gebeten, anzugeben, wie wichtig ihnen diese Übereinstimmung sei. Es zeigte sich, dass die angegebene Übereinstimmung in der Religionszugehörigkeit nur dann mit der Beziehungszufriedenheit korrelierte, wenn die Übereinstimmung als wichtig betrachtet worden war. Bei den Interessen zeigte sich, dass der Zusammenhang zwischen wahrgenommener Übereinstimmung und Beziehungszufriedenheit signifikant höher bei denjenigen Interessen war, für die eine hohe Wichtigkeit der Übereinstimmung angegeben wurde.
Relevant sind ebenfalls die Ergebnisse einer Serie von fünf Untersuchungen von Alves (2018), auch wenn hier nicht Beziehungszufriedenheit, sondern Anziehung erfasst wurde:
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Alves zeigte auf, dass eine Übereinstimmung zwischen Personen in besonders seltenen Merkmalen, wie beispielsweise wenig populären Filmen, Musik, Hobbys oder Lebensmitteln, zu einer höheren Anziehung führte als eine Übereinstimmung in häufigeren Merkmalen. Albes zeigte auch, dass Personen eine höhere Anziehung zueinander erlebten, wenn ihnen mitgeteilt wurde, dass sie beide typischerweise weniger beliebte Facebook-Seiten (gemessen an der Anzahl der Likes) mochten, als wenn ihnen mitgeteilt wurde, dass sie beide populäre Facebook-Seiten mochten. In einem weiteren Experiment konnte Alves zusätzlich nachweisen, dass in einer Dating-Simulation die Übereinstimmung in seltenen Interessen nicht nur die Anziehung erhöhte, sondern ebenso die Intention, die andere Person tatsächlich zu treffen.
Woran mag dies liegen?
Menschen mit seltenen Merkmalen treffen in der Gesellschaft besonders oft auf Menschen, die mit diesen Merkmalen nicht übereinstimmen. Deshalb geraten Menschen mit einem seltenen Merkmal schneller in eine Außenseiterposition. Umso erfreulicher und erleichternder kann es sein, wenn nun ein Mensch mit der gleichen Eigenart getroffen wird. Die folgende Übereinstimmung in dem betreffenden Merkmal kann das Entfremdungsgefühl aufheben und von daher als besonders positiv erlebt werden.
Seltene Merkmale dürften in diesem Sinne häufiger zentrale Merkmale sein, sodass eine Übereinstimmung in ihnen besonders wichtig ist. Wenn ein seltenes und zentrales Merkmal zwischen Beziehungspartner:innen übereinstimmt, mag dies Unterschiede in anderen Merkmalen, die typischerweise durch Studien untersucht werden, außer Kraft setzen.
Für eine hohe Bedeutung von Übereinstimmungen – aber eben auch für eine hohe Individualität solcher Übereinstimmungen – sprechen zudem Befunde einer qualitativen Interview-Studie von Boratav et al. (2021) mit multikulturellen Paaren in der Türkei:
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In der Studie wurden Paare befragt, die sich in Religion, Ethnizität und Muttersprache unterschieden. Dabei zeigte sich, dass die Anziehung zwischen den Beziehungspartner:innen aufgrund einer wahrgenommenen Gemeinsamkeit in ihren Werten und in ihrer Weltsicht entstanden war. Eine wichtige Gemeinsamkeit war dabei, dass sich in diesen multikulturellen Paaren oftmals beide Beziehungspartner:innen als eher am Rand ihrer Kultur stehend und insofern nicht als typische Vertreter ihrer Kultur verstanden.
Der Titel der Studie gibt die Hauptschlussfolgerungen prägnant wieder und verdient daher, zitiert zu werden:
»Mehr ähnlich als verschieden: eine qualitative Exploration der Beziehungs-Erfahrungen von multikulturellen Paaren in der Türkei.« [1]
In einer unvollständigen, vereinfachenden Sichtweise handelte es sich bei diesen multikulturellen Paaren um Personen, die sich besonders stark voneinander unterscheiden. In der tieferen Analyse der Autor:innen wurden aber wichtige Gemeinsamkeiten sichtbar, aus denen sich ihre Kompatibilität füreinander ergab.
Zusammenfassend ist die Annahme hochgradig plausibel, dass zumindest in zentralen Merkmalen in der Regel eine Übereinstimmung zwischen Beziehungspartner:innen förderlich ist.
Bei der Partnersuche sollten Sie daher darauf achten, einen Menschen kennenzulernen, mit dem in für Sie zentralen Merkmalen – und natürlich umgekehrt – eine möglichst hohe Übereinstimmung herrscht.
Die Logik der meisten Online-Partnervermittlungen ist es, diese Suche durch Rückgriff auf einen Matching-Algorithmus zu unterstützen, der die Übereinstimmung in den Vordergrund stellt.
Was aber ist von der zweiten Hauptkritik von Finkel et al. (2012) zu halten, dass die Partnervermittlungen den Beweis nicht erbracht hätten, dass ihre konkreten Algorithmen überzufällig, also mehr als zufällig oft zu glücklichen und stabilen Beziehungen führen?
Tatsächlich hat keine Partnervermittlung diesen Beweis jemals erbracht. Allerdings wäre für einen Dating-Anbieter dieser Beweis auch kaum zu erbringen. Um ihn erbringen zu können, müssten den Mitgliedern Partnervorschläge gemacht werden, die entweder durch den Algorithmus oder aber zufällig erzeugt worden wären. Im Anschluss daran müsste geschaut werden, welche Partnerschaften daraus entstehen, und diese müssten miteinander im Hinblick auf Partnerglück und Dauerhaftigkeit verglichen werden.
So eine Studie wäre fraglos hochinteressant. Mitglieder von Dating-Plattformen würden sich aber vermutlich empören, wenn ihnen in Wirklichkeit Zufallsvorschläge gemacht werden würden. Auch wäre es eine Mammutaufgabe, nicht nur eine ausreichende Vergleichsanzahl an Fällen für so einen Vergleich zu erzielen, sondern auch noch sich daraus ergebende Paare über Jahre im Längsschnitt zu beobachten.
Die Kritik ist also formal korrekt, aber nicht praxistauglich. Weder die partnersuchenden Singles noch die Dating-Anbieter können auf eine Studie warten, die einen definitiven Beweis für die Überlegenheit ihrer psychologischen Matching-Prinzipien erbringen würde.
Richtig ist, dass Online-Partnervermittlungen nicht in einem strengen Sinne für sich Wissenschaftlichkeit beanspruchen können. Es handelt sich bei der Online-Partnervermittlung nicht um eine wissenschaftlich abgesicherte Methodik, sondern eher um Daumenregeln, die auf einem mehr oder weniger elaborierten psychologisch-mathematischen Fundament beruhen.
Trotzdem gibt es gute Argumente für den Matching-Ansatz, da in der Gesamtbewertung die vorliegenden Informationen dafür sprechen, dass Menschen bei einer höheren Grundübereinstimmung bessere Aussichten auf eine tragfähige Beziehung miteinander haben als Menschen, die sich vorwiegend durch Unterschiede charakterisieren.
Erwarten Sie daher nicht, dass eine Online-Partnervermittlung Ihnen wissenschaftlich begründet perfekte Beziehungspartner:innen vermitteln könnte. Das Maximale, was Sie erwarten können, ist, dass Ihnen eine gewisse Vorauswahl zur Verfügung gestellt wird, die besser ist als eine zufällige Wahl, auch weil offensichtlich unpassende Personen ausgeschlossen wurden.
Die Partnervermittlungen erbringen nur eine erste Vorauswahl. Eine mögliche Passung und bestehende Beziehungschancen auszuloten, ist im Anschluss allein Ihnen und den potenziell in Frage kommenden Beziehungspartner:innen überlassen.
[1] Original auf Englisch: »”More Alike than Different” a qualitative exploration of the relational experiences of multicultural couples in Turkey.« (Boratav et al., 2021)
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