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Singlebörsen

Singlebörsen haben die Funktion der kaum noch eine Rolle spielenden Kontaktanzeigen in Zeitungen und Magazinen übernommen. Dabei haben Singlebörsen viele Ähnlichkeiten zu Dating-Apps, auf die bereits ausführlich eingegangen wurde. Das Kapitel zu Singlebörsen ist daher kurzgehalten, weil die meisten bei den Dating-Apps dargestellten Aspekte ebenso für Singlebörsen gelten.

Anstatt eine Kontaktanzeige aufzugeben, können sich Partnersuchende bei einer Singlebörse registrieren und dort ein persönliches Profil anlegen. Neben einem freien Text und Fotos werden hier mindestens Angaben zu Alter, Wohnort, Geschlecht, Größe und Gewicht erhoben, oftmals werden aber zusätzlich viele weitere Merkmale, Interessen und Besonderheiten erfragt, wobei die Beantwortung in der Regel freiwillig ist.

Die Suche wird den Nutzern durch freies Scrollen anhand einer kleineren oder größeren Anzahl mehr oder weniger oberflächlicher, durch die Nutzer:innen für jede Suche neu auswählbarer Suchkriterien selbst überlassen. Es erfolgt keine psychologisch fundierte Vermittlung.

Bei den Singlebörsen ist die Erstellung eines eigenen Profils nahezu immer kostenfrei. Nachfolgend können die Profile anhand von Kriterien wie Alter, Wohnort oder Geschlecht kostenfrei durchsucht werden.

Manchmal ist auch die Kommunikation mit anderen Teilnehmenden kostenfrei. In diesem Fall finanziert sich eine Singlebörse in der Regel durch Werbung. In anderen Fällen ist eine kostenfreie Kommunikation mit anderen Teilnehmenden nicht oder höchstens stark eingeschränkt möglich. Bei Singlebörsen, die Gebühren erheben, machen daher nur die kostenpflichtigen Angebote Sinn.

Unter den Singlebörsen offerieren auch unzählige Spezialanbieter ihren Service:

  • nur für Reiche, Schöne, Dicke, Gutaussehende, Rollenspieler, BDSM-Interessierte oder Gothic-Fans, vegetarisch oder vegan lebende Personen, Alleinerziehende, Asexuelle, Menschen mit Behinderungen … Die Liste ließe sich nahezu unendlich fortsetzen.

Was Mitglieder in so einer Spezial-Singlebörse miteinander verbindet, ist ausschließlich das eine gemeinsame Merkmal, um welches sich die Vermittlung dreht.

Prüfen Sie also genau, ob das jeweilige Merkmal wirklich eine tragfähige Voraussetzung für eine Beziehung ist:

  • Sinnvoll ist solch ein Spezial-Anbieter für Sie, wenn das Vermittlungs-Thema so wichtig für Sie ist, dass Sie Ihre Partnersuche diesem einem zentralen Thema widmen wollen.

  • Ebenfalls kann die Nutzung eines Spezial-Anbieters sinnvoll sein, wenn Sie bei anderen Plattformen aufgrund eigener Merkmale (z. B. asexuell, Rubensfigur, Behinderung) auf zu viel Ablehnung stoßen und sich dies nicht mehr antun möchten.

Bedenken Sie, dass Mitglieder von Singlebörsen ebenso wie bei den Dating-Apps nicht ausschließlich oder vorwiegend auf eine ernsthafte Partnersuche ausgerichtet sein müssen. Der leichte und schnelle Zugang und das freie Scrollen in Profilen ziehen Menschen mit unterschiedlichen Motiven an.

Singlebörsen fehlt die klare Fokussierung ihrer Außendarstellung, Werbemaßnahmen und des eigentlichen Angebotes auf die Suche nach dauerhaften Partnerschaften. Dadurch ziehen Singlebörsen viele Menschen an, deren Hauptmotiv nicht der Aufbau einer langfristigen Partnerschaft ist. Zudem fördert das freie Scrollen in Profilen, ähnlich wie bei den Dating-Apps, eine unverbindliche Konsum-, Spiel- und Spaßhaltung.

Bei den Singlebörsen finden sich entsprechend viele Mitglieder, denen es eher um Flirt, Erotik oder auch virtuelle Chats geht. Singlebörsen kommen dieser weniger an einer ernsthaften Partnersuche interessierten Klientel entgegen durch die Einfachheit und hohe Geschwindigkeit, mit der Profile erstellt werden können, die Freiwilligkeit vieler Angaben, die Unverbindlichkeit und die Verfügbarkeit der kostenlosen Basisfunktionen oder sogar eine komplette Kostenfreiheit.

Zudem kann die Verfügbarkeit frei suchbarer Alternativen bei den Singlebörsen die Auswahl verschlechtern:

  • Je mehr Alternativen zur Verfügung gestellt werden, desto oberflächlicher wird der Prozess, mit dessen Hilfe ausgewählt wird, mit welchem Profil Teilnehmende Kontakt aufnehmen möchten. Dies erhöht, wie bei den Dating-Apps, die Gefahr, dass eher unpassende Menschen zueinander finden.

  • Es fehlt eine Vorauswahl nach Passung. Dadurch steigt der spielerische Charakter bei den Singlebörsen, die auch hier, ähnlich wie die Dating-Apps, stärker Aspekte von Unterhaltung, Abwechslung und Spaß ansprechen.

Subjektiv haben Mitglieder von Singlebörsen durch die Möglichkeit zum unbegrenzten Scrollen und Kontaktieren viel Freiheit.

So werden bei Dating-Apps wie Tinder die angezeigten Profile durch algorithmische Prozesse bestimmt und eine nähere Profilsichtung oder gar Kontaktaufnahme ist nur möglich, wenn beide Seiten ein Interesse bekunden. Für weitere Profilvorschläge muss bei vielen Dating-Apps extra bezahlt werden.

Demgegenüber können sich Mitglieder von Singlebörsen völlig frei die gesamte Datei anschauen und diese nach vorgegebenen Auswahlmöglichkeiten durchsuchen. Sie können grundsätzlich zu jedem anderen Mitglied Kontakt aufnehmen, wobei bei kostenpflichtigen Plattformen hierfür allerdings auf beiden Seiten die Nutzung der Premium-Funktion für ein Kennenlernen notwendig sein kann.

Personen, die in Profilen frei scrollen können, haben den Eindruck, den Auswahlprozess besser kontrollieren zu können. Dies kann das Interesse und die Zufriedenheit erhöhen. Tatsächlich ist die freie Suche aber kritisch zu betrachten, weil die Zunahme der Anzahl möglicher Kandidaten nach psychologischen Studien eher zu einem schlechteren Suchergebnis führt:

  • Wu und Chiou (2009) gaben in einer Studie zum Online-Dating den Teilnehmenden eine unterschiedlich große Anzahl an Profilen zur Ansicht vor. Außerdem wurde auf der Basis der eigenen Angaben der Teilnehmenden zu ihren Ideal-Partner:innen berechnet, wie hoch die Passung der einzelnen Vorschläge war. Im Ergebnis zeigte sich, dass die tatsächliche Passung der durch die Teilnehmer:innen selbst als interessant ausgewählten Profile umso geringer war, je mehr Vorschläge ihnen unterbreitet worden waren. Die Wissenschaftler gelangen zu dem Schluss, dass mehr Optionen zu schlechteren Entscheidungen bei der Partnersuche führen.

Durch das freie Scrollen bei den Singlebörsen kann ein Nutzungsmuster angeregt werden, bei dem die Aufmerksamkeit schnell von einem Profil und Kontakt zum nächsten wandert. Insofern besteht auch bei den Singlebörsen, wie bei den Dating-Apps, das Risiko, dass das Kommunikationsverhalten oberflächlich bleibt oder wird und eine vertiefte emotionale Kommunikation nicht stattfindet.

Mit ihrem insgesamt geringen Fokus darauf, eine dauerhafte Beziehung zu finden, und mit ihrem ausgeprägt spielerisch-unverbindlichen Charakter wird die Bindungsbereitschaft durch die Struktur der Singlebörsen nicht gefördert.

Auch ist bei Singlebörsen und Dating-Apps die Schwelle zur Registrierung gering. Sie müssen daher damit rechnen, dass sich auch viele Menschen Ihr Profil anschauen, die nicht auf Partnersuche sind, sondern eher aus Neugier oder anderen Motiven hineinschauen.

Singlebörsen und Dating-Apps sind im Grunde ähnliche Angebote. Wenn entsprechende Singlebörsen auch Apps zur Verfügung stellen, gehen Singlebörsen und Dating-Apps fast ineinander über.

Es können über Singlebörsen fraglos Partnerschaften und auch dauerhaft stabile und glückliche Partnerschaften entstehen. Es gibt aber gleichzeitig eine Reihe von mit Dating-Apps geteilten Strukturmerkmalen, die das Entstehen solcher Beziehungen über Singlebörsen erschweren. Zudem mögen einzelne Personen auch bei Singlebörsen Gefahr laufen, in Suchtverhalten abzugleiten und ihre Bindungsbereitschaft zu reduzieren.

Wer sich aber der Möglichkeiten und Risiken bewusst ist und die eigene Suche reflektiert steuert, kann durch die Nutzung einer Singlebörse durchaus zusätzliche Chancen für die eigene Partnersuche eröffnen oder auch andere Motive im Bereich von Flirt und Erotik befriedigen, ohne dass dies zu Suchtverhalten führen oder sich schädigend auf die eigene Bindungsbereitschaft und Bindungsfähigkeit auswirken müsste.

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