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Attraktivität und Partnerwahl

Die Rolle der Attraktivität

In einer Studie von De Vries et al. (2008) mit Teilnehmenden einer großen Dating-Plattform ließ sich das Interesse, einen Teilnehmenden kennenzulernen, allein durch die Attraktivität des Fotos statistisch vorhersagen. Demgegenüber spielte der freie Text keinerlei Rolle.

Auch eine qualitative Studie von Jänkälä et al. (2019) über die Rolle von Fotos bei der Partnersuche von Personen, die Tinder nutzten, zeigt, wie wichtig Fotos für die Partnersuche sind:

  • Fotos wurden sorgfältig ausgesucht, da sie maßgeblich darüber entschieden, ob andere Teilnehmende einem weiteren Kontakt zustimmten oder diesen blockierten.

Allerdings stimmt es nicht uneingeschränkt, dass körperlich attraktive Personen bevorzugt werden. Als weiterer Einflussfaktor kommt die eingeschätzte eigene Attraktivität hinzu:

  • Je weniger attraktiv sich Menschen selbst erleben, desto mehr scheinen sie vor der Wahl attraktiver Dating-Partner:innen zurückzuschrecken.

Es wird vermutet, dass dies insbesondere mit der Befürchtung zusammenhängt, zurückgewiesen zu werden. Mit dieser Hypothese stimmen die Ergebnisse von zwei Experimenten von Greitmeyer (2010) überein:

  • Es zeigte sich in diesen Experimenten, dass die Rückmeldung, dass jemand an der eigenen Person interessiert sei, auch das Interesse steigerte, selbst attraktive Personen zu kontaktieren. Demgegenüber führte die Rückmeldung, dass eine andere Person nicht an der eigenen Person interessiert sei, dazu, dass man selbst stärker an weniger attraktiven Personen interessiert war.

Demnach werden bevorzugt attraktive Personen gesucht, sofern keine eigene Angst vor Zurückweisung besteht. Unattraktive Personen werden dagegen häufiger abgelehnt, vor allem dann, wenn sie als weniger attraktiv als die eigene Person bewertet werden.

Im Ergebnis nähert sich der Attraktivitäts-Grad von Beziehungspartner:innen typischerweise aneinander an.

Das Phänomen der sogenannten Liebe auf den ersten Blick verdeutlicht ebenfalls, wie wichtig das Äußere für das Erleben von Anziehung sein kann:

  • Zsok et al. (2017) befragten Personen online in einem Laborsetting und bei verschiedenen Dating-Events, ob sie bei Vorlage von Fotos oder Treffen mit anderen Personen das Gefühl von Liebe auf den ersten Blick gehabt hätten. Dabei zeigte sich, dass das Auftreten von Liebe auf den ersten Blick allein durch die eingeschätzte physische Attraktivität der entsprechenden Person vorhersagbar war.

Die hohe Bedeutsamkeit des Äußeren bei der Partnersuche wird zusätzlich durch die Beobachtung unterstrichen, dass beim Online-Dating Profile ohne Foto in der Regel keine oder nur eine geringe Resonanz finden.

Oft wird sogar in Profilen die direkte Aussage gemacht, dass kein Kontakt zu Teilnehmenden ohne Foto im Profil gewünscht sei oder dass diese zumindest alternativ bei der Kontaktaufnahme sofort ein Foto mitsenden sollten.

Trotzdem ist es ein Irrtum zu meinen, dass es am Ende bei der Partnersuche nur auf das Aussehen ankomme:

So werden körperlich attraktiven Personen viele weitere, mit der Körperlichkeit oft gar nicht zusammenhängende positive Eigenschaften zugeschrieben – die Psychologie spricht hier von dem sogenannten Halo-Effekt (Standing, 2004). Das heißt, dass das Interesse sich keineswegs nur auf das Aussehen beziehen muss. Vielmehr gehen viele Menschen unbewusst davon aus, dass körperlich attraktive Personen auch weitere positive Merkmale in ihrer Persönlichkeit und in ihrem Charakter aufweisen.

Dieser Schluss ist natürlich häufig falsch und kann daher zu fehlerhaften Beziehungsentscheidungen führen.

Immer falsch sein muss der Schluss aber nicht:

  • So beobachteten Brand et al. (2012), dass Personen, deren Fotos als attraktiv eingeschätzt werden, häufiger Texte verfassten, die völlig unabhängig vom Foto ebenfalls als attraktiv eingeschätzt wurden. Möglicherweise treten Personen, die gemeinhin als attraktiv wahrgenommen werden, selbstsicherer auf, was wiederum gemeinhin ein attraktives Merkmal ist.

Als Warnung vor einer Fokussierung auf körperliche Attraktivität mögen jedoch Befunde von Ma-Kellams et al. (2017) dienen, nach denen Personen, die aufgrund ihrer Fotos in Schulabschlussjahrbüchern als besonders attraktiv bewertet wurden, sich später durch häufigere Scheidungen und kürzere Ehen kennzeichneten.

Wir sollten uns also davor hüten, zu viel Positives aus körperlicher Attraktivität zu schließen.

Schließlich kann sich sogar das, was wir als attraktiv erleben, ändern. So halten unsere frühen automatischen Bewertungsprozesse einer erneuten späteren Bewertung nicht immer stand. Bei einem genaueren Kennenlernen entstehen viele weitere Eindrücke und wir gewinnen mehr Informationen über eine Person, woraus sich eine Änderung in der Einschätzung des Äußeren, der Gesamtattraktivität und der erlebten Anziehung einer anderen Person ergeben mag.

Auch zeigen Studien (Swami et al., 2009), dass die Attraktivitätswahrnehmung von Liebespaaren subjektiv verzerrt zugunsten der Beziehungspartner:innen ausfällt. Bei vergleichbarer Attraktivität werden jeweils die Beziehungspartner:innen als attraktiver eingeschätzt als die eigene Person. Die Stärke dieses Effektes korreliert wiederum positiv mit der Beziehungszufriedenheit.

Penton-Voak et al. (2007) gingen noch einen Schritt weiter und manipulierten die Gesichtsbilder von Beziehungspartner:innen, indem sie diese attraktiver oder unattraktiver machten. Anschließend wurden die Teilnehmenden gebeten, das der Wirklichkeit entsprechende korrekte Bild herauszusuchen. Das interessante Ergebnis war, dass Personen, die mit ihrer Beziehung zufrieden waren, das attraktive Bild wählten, während mit der Beziehung unzufriedene Personen das unattraktive Bild auswählten.

Es hängt also nicht nur von den äußeren Merkmalen ab, ob wir einen Menschen attraktiv finden oder nicht. Die menschliche Wahrnehmung von Attraktivität ist flexibel und bei entsprechender Sympathie kann auch das Äußere von Beziehungspartner:innen wohlwollend betrachtet werden.

Dies ist eine deutliche Warnung davor, beim Online-Dating in ein Verhaltensmuster zu fallen, bei dem vorwiegend Bilder gesichtet und Auswahlentscheidungen allein von visuellen Reizen abhängig gemacht werden. Dies führt zu einer Informationsverkürzung, die kaum dazu geeignet ist, passende Entscheidungen zu treffen.

Wenn Sie bei Ihrer Partnersuche aufgrund blitzschneller Fotobewertung potenziell in Frage kommende Personen ausschließen, laufen Sie Gefahr, jemanden auszuschließen, den Sie in der Gesamtbilanz bei einem Kennenlernen als attraktiv erlebt hätten.

Zudem ist die Annahme, dass die Attraktivität allein durch das Äußere bestimmt wird, zu pessimistisch:

  • So zeigte eine auf die ursprüngliche Untersuchung folgende weitere Untersuchung von De Vries (2010), dass der freie Text beim Online-Dating sehr wohl einen eigenständigen Einfluss auf das Interesse ausübte, eine Person kennenzulernen, wenn sichergestellt wurde, dass der Text auch vollständig gelesen wurde, Texte verschiedener Personen sich ausreichend unterschieden und keine Informations-Überlastung durch zu viele Profile und lange Texte stattfand.

Selbst im Bereich der Sexualität – wo das Äußere eine besonders große Rolle spielt – wäre es eine Verkürzung, sich ausschließlich auf das Äußere zu fokussieren. Denn auch sexuelles Begehren hängt in partnerschaftlichen Beziehungen von einer Vielfalt von Faktoren ab:

  • In Interviews mit 20 Frauen konnten Murray und Milhausen (2012) beispielsweise zeigen, dass außer der physischen Attraktivität von Beziehungspartner:innen auch die sexuellen Wünsche von Partner:innen, ihre Aufmerksamkeit, emotionale Nähe, gemeinsam verbrachte Zeit oder die Kommunikation miteinander von Bedeutung waren. Hinzu kamen weitere persönliche Einflussfaktoren wie das emotionale Befinden, der körperliche Energielevel oder die Einstellung zur Sexualität. Ebenso ließen sich externe Faktoren wie die aktuelle Lebenssituation, der Gesundheitszustand, Gespräche über Sexualität mit Bezugspersonen oder die Einbettung in religiöse Überzeugungssysteme als Einflussfaktoren identifizieren.

Selbst wenn es nur um sexuelles Begehren ginge, wäre also eine Partnerwahl aufgrund rein physischer Attraktivität kein Garant für ein zufriedenes Sexualleben. Und natürlich gilt dies umso mehr für eine partnerschaftliche Beziehung, die ja weitaus mehr Dimensionen der Begegnung beinhaltet.

Fürsorge und Schutz, Verstehen, gemeinsame Aktivitäten, Einfühlung, emotionale Nähe und Intimität, Verantwortungsübernahme und viele weitere Merkmale von Beziehungen lassen sich nun einmal nicht aus physischer Attraktivität herleiten oder allein mithilfe physischer Attraktivität entwickeln und aufrechterhalten.

Ein weiterer Punkt: Sind Personen in Beziehungen glücklicher, wenn die Beziehungspartner:innen eine hohe physische Attraktivität aufweisen?

Unstrittig werden Partnerwahlentscheidungen auch auf der Basis von physischer Attraktivität getroffen:

  • McNulty et al. (2008) besprechen eine Vielzahl von Studien, die aufzeigen, dass in der Phase der Beziehungsentstehung und ganz am Anfang einer Beziehung die physische Attraktivität von Beziehungspartner:innen sich tatsächlich auf die Beziehungszufriedenheit auswirkt.

Die Autor:innen argumentieren allerdings, dass viele Paare in diesen anfänglichen Phasen noch wenig über einander wüssten, sich deshalb in ihrem Zufriedenheitserleben auf die direkt sichtbare körperliche Attraktivität fokussierten und dabei mangels ausreichender Informationen womöglich eher dazu neigten, vom Aussehen auf weitere Faktoren von Persönlichkeit und Verhalten zu schließen.

Wie aber stellt sich diese Situation dar, wenn sich Paare bereits gut kennen und soeben geheiratet haben?

  • Dieser Frage gingen McNulty et al. (2008) in einer Untersuchung mit 82 Paaren nach und gelangten neben vielen anderen interessanten Befunden zu dem Ergebnis, dass die physische Attraktivität von Beziehungspartner:innen bei Frauen und Männern, die in den letzten sechs Monaten geheiratet hatten, keinen Einfluss ausübte auf die Beziehungszufriedenheit. Ob also Beziehungspartner:innen mehr oder weniger attraktiv waren, führte zu keiner höheren oder geringeren Beziehungszufriedenheit. Zudem beobachteten die Autor:innen ebenfalls keinen Einfluss von Attraktivitätsunterschieden zwischen den Beziehungspartner:innen auf die Zufriedenheit der befragten neu verheirateten Frauen und Männer.

Der Forschungsstand ist komplex und es gibt auch andere Beobachtungen (Meltzer et al., 2014), in denen Männer im Gegensatz zu Frauen eine höhere Beziehungszufriedenheit aufwiesen, wenn sie attraktive Beziehungspartner:innen hatten. Aber auch hier war der Einfluss der äußeren Attraktivität auf die Beziehungszufriedenheit insgesamt betrachtet nur moderat.

Schlussendlich kommt der physischen Attraktivität für die Beziehungszufriedenheit nur eine begrenzte Rolle zu, wobei die anfänglich stärkeren Zusammenhänge für die initiale Partnerwahl durchaus mit Informationsdefiziten und illusorischen Erwartungen zusammenhängen mögen.

Insgesamt gesehen sagen Fotos bei Dating-Plattformen von daher sicherlich wenig bis nichts darüber aus, ob eine glückliche und stabile Beziehung zwischen zwei Menschen entstehen kann.

Abgesehen von der Gefahr, dass Fotos auch noch falsch oder verändert sein können, kann eine zu starke Fokussierung auf Fotos und äußerliche Attraktivität eben auch dazu führen, dass für eine Beziehung wichtigere Faktoren, die in Werthaltungen, Charakter oder Lebenszielen liegen, übersehen werden und so ungünstige Partnerwahlentscheidungen getroffen werden.

Schönheit liegt im Auge der Betrachter

Nebenbei: Gibt es eigentlich eine allgemeine physische Attraktivität?

Hierfür sprechen psychologische Befunde (Langlois et al., 2000), nach denen verschiedene Beurteiler physische Attraktivität oft sehr übereinstimmend beurteilten und nach denen diese hohe Übereinstimmung sogar erhalten blieb, wenn die Beurteiler aus verschiedenen Kulturen stammten und Personen aus unterschiedlichen Kulturen beurteilten.

Allerdings haben andere Autor:innen (Zhan et al., 2021) große Unterschiede in den Präferenzen von Gesichtern zwischen Beurteilern aus Westeuropa und Ostasien gefunden, wobei diese zusätzlich auch stark individuell, nicht nur kulturell geprägt ausfielen.

Glasser et al. (2009) beobachteten zudem, dass weiße Männer in den USA häufiger schlank-sportliche Frauen bevorzugten, während Afroamerikaner und Latinos häufiger fülligere Frauen bevorzugten.

Bekannt ist auch die Kulturabhängigkeit des Phänomens, helle oder dunkle Hautfarben zu bevorzugen:

  • So bemühen sich in Ländern mit mehrheitlich hellen Hauttönen Millionen Menschen um eine dunklere Hautfarbe durch Bräunungsmittel und Sonnenbaden, während beispielsweise in weiten Teilen Asiens eine hellere Haut als Schönheitsideal gilt, wodurch eine ganze Bleichmittelindustrie hohe Umsätze erzielt. Und auch solche Kulturunterschiede waren nicht einfach immer da, sondern unterliegen ebenfalls Entwicklungsprozessen. Zum Beispiel galt auch in Westeuropa früher ein heller Hauttyp als vornehm, weil er darauf hindeutete, dass die Betreffenden keine körperliche Arbeit leisten mussten.

Wahrgenommene Attraktivität ist also eine hochgradig subjektive Zuschreibung. Selbst wenn wir häufig darin übereinstimmen, ob wir jemanden als grundsätzlich attraktiv oder weniger attraktiv bewerten, mag unser individueller Geschmack sich von diesem allgemeinen Attraktivitäts-Erleben unterscheiden.

Ein einfacher Blick in diverse Online-Foren genügt, um sich überzeugen zu können, dass es für absolut jede mögliche körperliche Eigenart Menschen gibt, die genau diese Eigenart als attraktiv erleben.

Um nur ein Beispiel zu nennen: Während der normative Standard in Westeuropa schlank-sportliche Frauen und athletische Männer als attraktiv bewerten mag, gibt es auch in Westeuropa unzählige andere Menschen, die dicke Frauen oder dicke Männer mögen.

Schönheit liegt also letztlich in den Augen der Betrachter und objektive Entscheidungskriterien lassen sich für solche subjektiv-ästhetischen Urteile nicht angeben.

Lernprozesse finden dabei nicht nur über die Generationen hinweg in kulturellen Kontexten statt, sondern wir werden in unserer Wahrnehmung von Attraktivität umgekehrt auch durch den unmittelbaren Zusammenhang beeinflusst. Zudem können sich Präferenzen auch während der individuellen Lebensspanne eines Menschen ändern:

  • So zeigten Zhao und Zang (2019) in einem Experiment, dass ein zu beurteilendes Gesicht als attraktiver eingeschätzt wurde, wenn andere Gesichter eher weniger attraktiv waren, und umgekehrt als unattraktiver wahrgenommen wurde, je attraktiver andere Gesichter wurden. Unsere Attraktivitäts-Einschätzungen sind also nicht absolut, sondern werden durch den Kontext, den Zusammenhang beeinflusst.

Veränderungen von Präferenzen im Verlauf einer Lebensspanne lassen sich beispielsweise bei Paaren in hohem Lebensalter erkennen, die sich weiterhin attraktiv finden, die in jungem Lebensalter aber mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Beziehungspartner:innen ihres jetzigen Alters attraktiv gefunden hätten.

Eine Studie aus Nicaragua (Boothroyd et al., 2020) macht sichtbar, wie individuelle Präferenz-Änderungen auch über Medien, die bestimmte Schönheitsideale vermitteln, gesteuert werden:

  • Mit zunehmendem Fernsehkonsum stieg über drei Jahre bei Männern die Präferenz für schlanke Frauen. Auch die Präsentation von Bildern, die schlanke weibliche Modelle zeigten, konnte zu einer solchen Präferenz führen.

Beispiel Körpergröße

Frauen suchen große Männer, die größer als oder doch zumindest so groß sind wie sie selbst. Männer suchen Frauen, die kleiner oder höchstens so groß sind wie selbst sind.

Im Ergebnis haben es kleine Männer und große Frauen bei der Partnersuche besonders schwer und müssen mit viel Ablehnung rechnen.

Es handelt sich hier nicht um ein reines Klischee. Die dargestellten Präferenzen sind trotz aller Bemühungen um Geschlechter-Egalität weiterhin lebendig:

  • Stulp et al. (2013) fanden heraus, dass der Idealpartner von heterosexuellen Frauen 21 cm größer ist als sie selbst. Männer sehen es nach dieser Studie etwas weniger eng und bevorzugen eine Partnerin, die 8 cm kleiner ist als sie selbst.

  • Auch die Psychologen Yancey und Emerson (2014) kommen in einer Studie zu dem Ergebnis, dass die Größe eines Beziehungspartners für Frauen wichtiger ist als für Männer. Wenn man nach den Gründen für die starke Präferenz von Frauen für größere Männer fragt, liegen diese allerdings offenbar weniger in Erfahrungen und innerpsychisch tiefgreifend verankerten Motiven begründet, sondern scheinen zu einem großen Anteil durch gesellschaftliche Geschlechtsrollenbilder und sozialen Druck bedingt zu sein.

Werden Frauen mit größeren Partnern tatsächlich glücklicher als mit gleichgroßen oder kleineren Partnern?

In einer großen Studie aus Indonesien hat Sohn (2016) den Einfluss der unterschiedlichen Körpergröße zwischen Mann und Frau in Hinblick auf die Beziehungszufriedenheit der Frauen untersucht. In dieser Untersuchung zeigte sich, dass Frauen mit größeren Männern tatsächlich eine etwas höhere Beziehungszufriedenheit angaben, wobei dieser Effekt aber mit den Jahren der Beziehungsdauer abnahm und nach 18 Jahren ganz verschwand.

Möglicherweise ergibt sich dieser Effekt jedoch wiederum nur aus dem gesellschaftlichen Druck, der über die Reaktionen des sozialen Umfeldes bis in die Beziehungszufriedenheit hineinreicht, was konsistent wäre mit den oben dargestellten Befunden von Yancey und Emerson (2014). Es kann vermutet werden, dass die Betreffenden mit den Jahren immer besser lernten, sich von diesem gesellschaftlichen Druck abzugrenzen, sodass die Auswirkung der Größendifferenz auf die Beziehungszufriedenheit abnahm und schließlich ganz verschwand.

Argumente, die für eine Partnersuche nach Körpergröße sprechen, sind objektiv wenig überzeugend und wirken vorgeschoben. Weder gibt es Schwierigkeiten bei Sexualität, Zärtlichkeit und Küssen, noch ist das Erleben von Geborgenheit oder Sicherheit an die Körpergröße gebunden.

Sicherlich mögen sichtbare Abweichungen von der gesellschaftlichen Norm zu manchen Blicken oder Kommentaren durch das soziale Umfeld führen. Doch hieran können Sie wachsen und Ihr Selbstbewusstsein verbessern, wenn die Basis einer tragfähigen Liebe gegeben ist.

Die Journalistin Lilly Bittner berichtet in einem Artikel in der FAZ über ihre Beziehung mit ihrem Partner, der einen halben Kopf kleiner ist als sie. Ihre Schilderung zeigt, wie sich ihre eigene Bewertung änderte von einem »Ich habe voll Angst, dass der Typ klein ist«, bevor sie ihren Partner kennenlernte, hin zu einem gelassenen und positiven Umgang mit dieser nach wie vor nicht ganz typischen Größendifferenz.

Diese Erfahrung werden Sie ebenfalls machen, wenn Sie sich auf eine romantische Begegnung mit einer einfühlsamen und zu Ihnen passenden Person einlassen, deren Körpergröße außerhalb Ihres geschlechtstypischen Suchmusters liegt.

Ist keine tiefere Passung vorhanden, wird auch eine geschlechtstypische Körpergröße Ihre Beziehung nicht glücklich machen können. Liegt aber eine Passung der Werthaltungen, Partnermodelle und Lebensziele vor, wird die Körpergröße diese Passung nicht außer Kraft setzen.

Übrigens können heterosexuelle Partnersuchende von gleichgeschlechtlichen Paaren, wo es definitionsgemäß eine geschlechtstypische Suche nach Körpergröße nicht geben kann, viel lernen.

Was ergibt sich aus allen diesen Befunden für das Online-Dating?

Physische Attraktivität ist zwar ein bei der Partnersuche gewünschtes Merkmal. Dieses hängt aber in vielfältiger Art und Weise von subjektiven Bewertungsprozessen ab, die von Kontext und individuellen Lernerfahrungen geprägt werden.

Noch einmal: Attraktive Beziehungspartner:innen sind kein Garant dafür, dass glückliche und stabile Beziehungen entstehen. Sich bei der Partnersuche auf körperliche Attraktivität zu fixieren, erhöht die Gefahr, dass falsche Entscheidungen getroffen werden.

Nehmen Sie beim Online-Dating daher Abstand von rein visuell gesteuerten Auswahlprozessen. Bemühen Sie sich, sich einen ganzheitlichen Eindruck von der möglichen Passung einer Person für ein gemeinsames Leben zu verschaffen. Oft ist dies erst durch die Aufnahme der direkten Kommunikation möglich, weshalb von einer verfrühten »Aussortierung« von Profilen abzuraten ist.

Wenn man sich dann kennenlernt, mag das gegenseitige Abtasten auf eine Passung und eine Veränderung der Perspektive dazu führen, dass sich auch die Bewertung der Attraktivität ändert. So mögen Personen plötzlich als attraktiv erscheinen, die zuvor unattraktiv wirkten, oder umgekehrt.

1Bittner, L. (aktualisiert am 2021, 25. August). Größenunterschiede bei Paaren – „Ich habe voll Angst, dass der Typ klein ist“. FAZ.NET. Abgerufen am 30.08.2021, von https://www.faz.net/aktuell/stil/leib-seele/ich-du-er-sie-es/groessenunterschied-bei-der-partnerwahl-wie-entscheidend-ist-er-17489029.html.

Selbstverständlichkeiten hinterfragen

Es gibt viele Dinge, die wir für scheinbar selbstverständlich halten. Wenn wir aber über sie nachdenken würden, könnten wir vielleicht zu ganz anderen Ergebnissen gelangen. Manchmal haben wir sogar feste implizite oder explizite Grundannahmen, die wir selbst dann voraussetzen und anwenden, wenn wir sie bei näherer Betrachtung eigentlich lieber ändern würden. Bei der Partnersuche kann dies bedeuten, Chancen zu verpassen.

Beispiele für Grundannahmen und ihre Hinterfragung:

  • »Ich werde immer in der Heimat bleiben.« Warum nicht mit der richtigen Person in das passende Land auswandern?

  • »Eine vegane Person kommt nicht in Frage.« Wieso eigentlich nicht? Könnte eine vegane Lebensweise nicht womöglich Ihre Gesundheit verbessern oder Sie in größere Konsistenz mit Ihren Werten bringen?

  • »Ein Universitätsabschluss ist erforderlich.« Tatsächlich? Gibt es nicht auch viele Menschen mit viel Wissen und Herzensbildung, die nicht einmal einen Schulabschluss haben?

  • »Es müssen große Romantik und Schmetterlinge im Bauch sein.« Warum nicht in tiefer freundschaftlicher Liebe glücklich werden?

  • »Auf jeden Fall muss der Mann größer sein als ich.« Sagt die Größe etwas aus über Charakter, Qualitäten oder gemeinsame Möglichkeiten zur Lebensgestaltung?

  • »Beim Online-Dating müssen potenziell geeignete Personen in meiner Nähe leben.« Wollen Sie den Menschen Ihrer Träume verpassen, weil er oder sie weiter entfernt lebt?

Eigene Grundannahmen identifizieren und hinterfragen

Identifizieren Sie Ihre Grundannahmen und stellen Sie sie in Frage. Dies hilft Ihnen, das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen, sich selbst treu zu sein, aber gleichzeitig unnötige Begrenzungen aus dem Weg zu räumen.

Schreiben Sie Ihre Grundannahmen und die sich daraus ergebenden Fragen in Stichworten auf. Geben Sie sich im Anschluss daran selbst die Antwort, ob hinter den Grundannahmen unverzichtbare Sachverhalte oder verfrühte Festlegungen stehen.

Ihre Bilanz: Überprüfen und korrigieren Sie sich selbst!

In den zurückliegenden Kapiteln haben Sie sich auseinandergesetzt mit der Liebe, ihren verschiedenen Gestaltungsmöglichkeiten und den Einflüssen des Äußeren. Sie haben sich auch damit beschäftigt, was Ihnen selbst bei einer Partnersuche wirklich wichtig ist und wo Sie offener sein könnten.

Anfänglich hatten Sie sich Stichpunkte gemacht zu den drei Fragen:

  • Was ist mir wichtig im Leben?

  • Wie sollte die Person sein, mit der ich eine Beziehung führe?

  • Wie sollte sich meine Beziehung gestalten?

Kommen Sie nun bitte noch einmal auf diese Stichpunkte zurück:

  • Überprüfen Sie, ob alles so stehen bleiben soll, wie Sie es anfänglich aufgeschrieben haben.

Nehmen Sie hierzu einen roten Stift und gehen Sie Ihre Stichworte zu den drei Fragen noch einmal durch. Fragen Sie sich bei jedem Punkt, ob er weiterhin Bestand haben soll oder ob Sie darauf verzichten können. Streichen Sie die Punkte durch, für die Sie sich auch einen anderen Weg vorstellen können.

Entfernen Sie mit jeder Streichung unnötigen Ballast.

Machen Sie ebenfalls neue Stichpunkte zu alternativen Szenarien. Ergänzen Sie wichtige Themen und Aspekte, bei denen Ihnen nun auffällt, dass sie in Ihrer ursprünglichen Auflistung fehlten.

Ziehen Sie Ihr eigenes Resümee

Fassen Sie in einem kurzen, freien und prägnanten Text zusammen, was Ihnen wichtig ist im Leben, wie Sie sich die Person vorstellen, mit der Sie zusammen sein möchten, und wie eine solche Beziehung ablaufen könnte.

Berücksichtigen Sie für diese freie Selbstschilderung nur noch die Punkte, die Sie nicht durchgestrichen haben, und ziehen Sie die Alternativen und Ergänzungen mit heran.

Natürlich können Sie die Durchführung der Übung auch variieren. So können Sie zum Beispiel statt Stift und Papier einen Computer verwenden.

Wie auch immer, das Ergebnis sollte ein freier Text in drei Teilen sein, bei dem es nicht auf die Schönheit der Formulierung, sondern nur auf den Inhalt ankommt. Das, was Sie so erarbeiten, wird Ihnen helfen, Ihre Partnersuche effektiv anzugehen und zum gewünschten Erfolg zu bringen.

Der Text ist geschrieben? Gratulation, Sie haben bereits einen wichtigen Schritt geschafft!

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