Welche Beziehungen bestehen zwischen individuellen Eigenschaften in den Bereichen der Sexualität und der Persönlichkeit?

Sind die fünf Persönlichkeitsdimensionen Neurotizismus, Extraversion, Gewissenhaftigkeit, Verträglichkeit und Offenheit für Erfahrungen geeignet, um Unterschiede in sexuellen Erlebens- und Verhaltensweisen zu erfassen?

Diesen und weiteren Fragen sind Schmid und Buss (2000) in einer umfangreichen Untersuchung mit 207 weiblichen und 107 männlichen Teilnehmern nachgegangen. Methodisch beeindruckend haben sie zunächst eine Liste von mehr als 300 Adjektiven erarbeitet, die sexualitätsbezogene Einstellungs-, Erlebens- und Verhaltensmerkmale beschreiben. Diese Liste wurde nachfolgend durch inhaltliche und statistische Analysen auf 67 Adjektive verkürzt und den Teilnehmern zur Selbsteinschätzung vorgegeben. Zusätzlich wurden die Teilnehmer ebenfalls angehalten, sich auf einer Adjektivliste, die sich zur Erfassung des Fünf-Faktoren-Modells eignet, selbst einzuschätzen.

Es ergaben sich folgende Ergebnisse:

Individuelle Unterschiede im Bereich der Sexualität lassen sich zuverlässig anhand von 7 Grunddimensionen erfassen: Sexuelle Attraktivität, Partnerschaftsexklusivität, Geschlechtsrollenorientierung, Sexuelle Zurückhaltung, Sexualisierung, Emotionales Investment und Sexuelle Orientierung. Demnach unterscheiden sich Menschen systematisch in dem Ausmaß, in dem sie sich selbst als sexuell attraktiv erleben, Wert legen auf die Einschränkung von Sexualität auf partnerschaftliche Beziehungen, Eigenschaften typischer Maskulinität oder Feminität aufweisen, sexuelle Abstinenz und Zurückhaltung praktizieren, sich schrankenlos sexueller Lust hingeben, Gefühle von Liebe und Romantik entwickeln sowie eine hetero-, homo- oder bisexuelle Orientierung aufweisen.

Zwischen den sieben Dimensionen der Sexualität und den fünf Dimensionen der Persönlichkeit bestehen vielfältige Zusammenhänge: (1) Höhere soziale Verträglichkeit geht einher mit einer stärkeren Tendenz zum emotionalen Investment und zur Partnerschaftsexklusivität. (2) Extraversion hängt mit sexueller Attraktivität und Sexualisierung zusammen sowie umgekehrt mit sexueller Zurückhaltung. (3) Bisexuelle und homosexuelle Orientierung geht mit erhöhter Offenheit für Erfahrungen einher. (4) Gewissenhaftigkeit geht einher mit einer höheren Geschlechtsrollenorientierung und einer verstärkten Partnerschaftsexklusivität. Niedriger ausgeprägt ist jedoch bei Gewissenhaftigkeit die Sexualisierung. (5) Frauen wiesen eine höhere Geschlechtsrollenorientierung, eine stärkere Partnerschaftsexklusivität und ein höheres emotionales Investment auf. (6) Demgegenüber kennzeichneten sich Männer durch eine höhere Sexualisierung aus.

Fazit:

Wie im Bereich der Persönlichkeit gibt es auch im Bereich der Sexualität, trotz ausgeprägter Überlappung, vielfältige individuelle und auch geschlechtsbezogene Unterschiede. Individuelle sexuelle Einstellungs-, Erlebens- und Verhaltensmerkmale hängen dabei eng mit der Persönlichkeit zusammen.

Schmitt, D. P., & Buss, D. M. (2000). Sexual Dimensions of Person Description:Beyond or Subsumed by the Big Five? Journal of Research in Personality, 34, 141-177

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